«Ihr nehmt ernst, was in der Schule läuft.»

Partnerschulen bringen Erfahrungen aus dem Schulalltag direkt beim Lehrmittelverlag Zürich ein. Sabrina Hofer, Schulleiterin einer Partnerschule, und Myriam Karrer vom LMVZ sprechen über persönliche Kontakte, Rückmeldungen aus der Praxis und darüber, wie beide Seiten voneinander lernen.

Sabrina, wenn du in einem Satz sagen müsstest,warum ihr Partnerschule des LMVZ geworden seid: Was wäre deine Antwort?

Sabrina: Weil es eine Riesenchance ist! Ich hatte schon als Lehrperson viel mit dem Lehrmittelverlag zu tun. Als Partnerschule kann nun die ganze Schule mitwirken, nicht nur ich als einzelne Lehrperson. Wir melden dem LMVZ zurück, was unsere Bedürfnisse sind. Das hilft auch uns: Man denkt über den eigenen Unterricht nach und entwickelt sich weiter. Gleichzeitig bekommen wir mit, was beim LMVZ entsteht – neue Lehrmittel, digitale Angebote oder Dinge, die man im Schulalltag sonst nicht unbedingt auf dem Schirm hat.
Es geht ja bei der Partnerschule nicht nur um ein einzelnes Lehrmittel, sondern um alles, was dazugehört: wie Lehrmittel bestellt werden, wie digitale Zugänge funktionieren, wie Angebote im Unterricht ankommen. Für beide Seiten ist das ein Gewinn. Der Verlag hört direkt aus einer Schule, wo Stolpersteine liegen.

Myriam: Genau dieses grössere Bild ist für uns wichtig. Lehrmittel und ihre Nutzung haben sich stark verändert. Früher hatte man ein gedrucktes Lehrmittel. Heute gehören meist digitale Anteile dazu, mit neuen Herausforderungen im Schulalltag: Digitale Zugänge müssen eingerichtet, Lizenzen zugewiesen, neue Funktionen vermittelt und die verschiedenen Bestandteile zusammen angewendet werden.
Wenn wir mit einer ganzen Schule zusammenarbeiten, hören wir nicht nur eine einzelne Lehrperson. Wir haben die Schulleitung, verschiedene Lehrpersonen, die Materialverwaltung und je nach Thema weitere Rollen beieinander. So erhalten wir ein umfassenderes Bild davon, was im Schulalltag wirklich gebraucht wird.

Sabrina: Als Partnerschule verteilt sich die Zusammenarbeit auf mehrere Personen. So wird es nicht für einzelne Personen zur Belastung.

Myriam, war das eine bewusste Entscheidung, als du das Projekt Partnerschule lanciert hast?

Myriam: Ja genau, das haben wir uns am Anfang gut überlegt. Viele von uns kommen selbst aus der Praxis. Wir wussten: Wenn wir mit etwas kommen, das für das Schulfeld zu aufwendig ist, wird das nichts.

Sabrina: Das spürt man. Ihr nehmt ernst, was in der Schule gerade läuft. Wenn wir einmal niemanden für ein Interview oder einen Unterrichtseinblick vermitteln können, dann wird das respektiert. Ihr sagt nicht einfach: Jetzt brauchen wir aber dringend jemanden. Ich glaube, genau dadurch kann das Projekt bestehen.

Gibt es ein Beispiel, bei dem Rückmeldungen aus den Partnerschulen euren Blick auf ein Thema verändert haben?

Myriam: Ein gutes Beispiel sind die Lösungshefte beim Französischlehrmittel «dis donc!». Sie werden automatisch beigelegt, man kann sie bei der Bestellung nicht abwählen. Über die Jahre erreichten uns immer mal wieder Anfragen von Lehrpersonen, diese Lösungshefte nicht automatisch beizulegen. Als Grund wurde genannt, dass die Hefte von niemandem im Kollegium gebraucht würden. Wir waren uns daher zunehmend unsicher, ob diese Angebotsvariante
sinnvoll ist. Deshalb haben wir die Französischlehrpersonen der Partnerschulen dazu befragt.

Sabrina: Als ich vom Thema der Umfrage erfuhr, war meine spontane Reaktion: Ich würde die Lösungshefte eher rausnehmen. Dann habe ich die Umfrage an die Französischlehrpersonen weitergegeben. Dabei ging es nicht nur darum, Ja oder Nein anzukreuzen, sondern zu reflektieren: Nutzen wir die Lösungshefte tatsächlich, und wenn ja, wie? In welchen Situationen sind sie hilfreich? So geben die Lehrpersonen nicht nur eine Rückmeldung an den Verlag, sondern reflektieren gleichzeitig ihr eigenes Unterrichtsverhalten.

Myriam: Über die Partnerschulen konnten wir breiter in die Praxis hineinhören – nicht nur bei jenen, die sich an den Lösungsheften stören. Und es kam zurück: Ungefähr die Hälfte der Befragten setzt die Lösungshefte eben doch ein. Für uns war damit klar: Einfach künftig dem Set nicht mehr beilegen wäre nicht die richtige Antwort. Insbesondere Lehrpersonen, die selbstständiges Lernen umsetzen, nutzen das Lösungsheft und sind dankbar dafür, es nicht selbst drucken zu müssen.
Gleichzeitig können wir auch nicht jede Wunschlösung umsetzen. Zwei Varianten anzubieten – mit und ohne  Lösungsheft – würde den logistischen Aufwand beträchtlich erhöhen. Zudem werden, da die Hefte häufiger genutzt werden als angenommen, auch weniger Exemplare entsorgt als befürchtet. Trotzdem – wir nehmen solche  Rückmeldungen sehr ernst und lassen sie in aktuelle und künftige Lehrmittelentwicklungen einfliessen.

Sabrina: Genau das finde ich gut: Ihr entscheidet nicht aufgrund einzelner Rückmeldungen, sondern holt aus der Praxis ab, wie es tatsächlich ist. Das ist nicht etwas, das am Schreibtisch entschieden wird. Gleichzeitig fühlt man sich gehört. Ihr sagt klar, was möglich ist und was nicht. Das macht für mich den Austausch mit dem Verlag so wertvoll: Er ist auf Augenhöhe. Was beschäftigt uns und wie können wir uns gegenseitig unterstützen?

Woran zeigt sich diese Praxisnähe im Alltag noch?

Sabrina: Bei LMVZ digital zum Beispiel. Da konnten wir mit jemandem aus dem Verlag eins zu eins durchspielen, wo die Schwierigkeiten liegen und wo es Fragen gibt. Das war sehr benutzerorientiert. Es ging nicht nur darum, was technisch möglich ist, sondern darum, was das im Schulalltag heisst.

Myriam: Solche Einblicke sind für uns wichtig. Wir schauen dabei nicht auf die Schule im Sinn von: Macht ihr das richtig? Sondern wir schauen auf unser Angebot: Wie funktioniert es, wenn es tatsächlich eingesetzt wird? Können sich die Kinder so einloggen, wie wir uns das gedacht haben? Im Unterricht und im Austausch mit euch sehen wir sehr konkret, wo etwas gut läuft und wo es vielleicht noch eine Erklärung oder Verbesserung braucht.

Sabrina: Auch der Austausch zum Thema DaZ-Unterricht war sehr ergiebig. Da konntet ihr mit verschiedenen Lehrpersonen sprechen – von jungen Lehrpersonen in Kindergarten- und Unterstufe bis hin zu Lehrpersonen, die schon lange DaZ unterrichten. 

Myriam: Ja, so konnten wir wichtige Erkenntnisse darüber gewinnen, welche Erfahrungen Lehrpersonen im DaZ-Unterricht machen, wie bekannt die unterstützenden Angebote in unserem Deutschlehrmittel sind und wie sie aktuell genutzt werden. Diese Rückmeldungen fliessen in Grundlagenarbeiten für ein neues DaZ-Lehrmittel ein.

Wie sieht das konkret aus, wenn jemand vom LMVZ in den Unterricht kommt?

Sabrina: Für die Lehrpersonen, die besucht wurden, war das ein grosser Gewinn. Da schaut nochmals jemand anderes hin, aber nicht im Sinn einer Beurteilung. Ich habe früher einmal ein Lehrmittel miterprobt und dadurch auch noch mal anders über meinen Unterricht nachgedacht. So passiert nebenbei Unterrichtsentwicklung oder Schulentwicklung – vielleicht nicht überall sofort, aber oft als Anstoss.

Myriam: Es ist ein gegenseitiges Anstossen: Wir denken über unsere Lehrmittelentwicklung nach und bei euch löst es ebenfalls etwas aus.

Myriam, wie profitiert der LMVZ noch von dieser Nähe?

Die Zusammenarbeit hilft uns, die Qualität zu erreichen, die wir als Verlag bieten wollen. Unsere Lehrmittel, digitalen Angebote und Services müssen im Schulalltag bestehen. Dafür brauchen wir ehrliche Rückmeldungen von den Schulen. Und ich glaube, es schafft Vertrauen, wenn Lehrpersonen merken: Der Verlag ist in engem Kontakt mit dem Schulfeld. Er bezieht seine Informationen direkt von denjenigen, die die Produkte und Services im Berufsalltag nutzen. Es ist wie bei einem Ski: Man hat mehr Vertrauen, wenn man weiss, dass er von jemandem mitentwickelt wurde, der auch selbst Ski fährt – nicht nur von einem Ingenieur.

Ein Blick in die Zukunft: Was sollte im nächsten Jahr bleiben, was könnte wachsen?

Sabrina: Für mich sollte die Zusammenarbeit so bleiben: praxisnah und mit Rücksicht auf den Schulalltag. Wenn in bestimmten Monaten sehr viel los ist, können wir vielleicht einmal nichts beitragen – und das ist in Ordnung.

Myriam: Aus den Rückmeldungen nach dem ersten Jahr nehme ich mit: Wenn die Zusammenarbeit in diesem Umfang weitergeht, sind die Schulen gern wieder dabei. Ich wünsche mir, dass das Gefäss noch stärker wird – und dass wir irgendwann sagen können: Es ist über die Jahre gewachsen.

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